Es geht auch ohne Windel?!

Windelfrei/ Abhalten - funktioniert das? Meine persönlichen Erfahrungen

Was ist windelfrei?

Für traditionelle Völker wie z.B. in Afrika oder Asien ist das Abhalten eine ganz normale Sache. Dort ist ein Grund dafür, dass einfach keine Windeln verfügbar sind. Babys werden ausschließlich, auch bei der Arbeit, im Körperkontakt getragen (meist nackt). Sobald die Mutter ein Signal ihres Babys wahrnimmt, dass es Urin oder Kot abgeben muss, wird es abgehalten – begleitet von einem Schlüssellaut.

Windelfrei bedeutet also, deinem Baby zu ermöglichen, sich außerhalb der Windel erleichtern zu können. Dafür muss man sein Baby sehr gut kennen und beobachten. Es zeigt mit kleinen leisen Signalen, dass es mal muss.  Es ist also bedürfnis- und bindungsorientiert.

Warum windelfrei - worum geht es?

Gleich soviel vorweg: es geht nicht um Töpfchentraining oder schnelleres Sauberwerden. Dies setzt eine bewusste Schließmuskelkontrolle deines Babys voraus, die erst möglich ist, wenn das Gehirn eine bestimmte Reife entwickelt hat. Das Trockenwerden ist ein eigenes Thema.

Bei windelfrei geht es vielmehr darum, dein Baby in seinen ursprünglichen Bedürfnissen zu achten und zu respektieren. Babys kommen mit einem sehr guten Körpergefühl zur Welt und dem (unbewussten) Bedürfnis, ihr „Nest“ nicht beschmutzen zu wollen. Sie machen sich durch verschiedene kleine Signale bemerkbar, wenn sie mal müssen. Erfolgt auf diese Signale keine Reaktion seitens der Bezugspersonen, verliert sich das Körpergefühl nach einiger Zeit und das Baby „akzeptiert“ die Windel zur Erleichterung.

Um die Signale des Babys wahrnehmen zu können, braucht es einen intensiven Kontakt zwischen Mama und Kind, z.B. durch das Tragen. Nebenbei kann man eine Menge Windeln einsparen und die Haut des Babys wird geschont. 

Wie windelfrei anfangen oder lieber nicht?

Zunächst wollte ich gar nicht mit windelfrei anfangen. Alles, was ich bisher darüber wusste, fand ich zwar für das Baby sehr sinnvoll und förderlich. Aber es kam mir doch im Alltag sehr schwer umsetzbar vor. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es funktionieren könnte. Ich stellte mir vor, ich müsse mein Baby dazu den ganzen Tag nackt auf meiner Haut tragen, um erkennen zu können, wann es mal muss.

Mein Baby ist im Winter geboren und hat noch ein älteres Geschwisterkind. Wie also sollte ich da den ganzen Tag mit voller Aufmerksamkeit bei meinem Baby sein, um neben Hunger, Schlafen, Nähe auch noch seine Pipi-Bedürfnisse rechtzeitig bemerken zu können?

Dazu kamen meine Bedenken, wie ich mein Baby schnell genug aus der Wintermontur gepellt haben sollte, ohne dass es bis dahin zu spät ist und wir uns dann (gerade unterwegs) vielleicht beide umziehen müssen. Da erschien mir der Stress und Aufwand einfach zu groß – bedürfnisorientiert hin oder her.

Mein Aha-Effekt

Bei einem Besuch unserer Hebamme hielt sie unser Baby vor dem Wiegen ab. Ich staunte nicht schlecht, als ich sah, dass mein Baby tatsächlich wie auf Kommando Pipi ins Waschbecken machte.

Hier schien doch etwas zu funktionieren, von dem ich bisher zu wenig wusste. Also begann ich mich nochmal schlau zu machen. Dabei stieß ich auf die Webseite von windelwissen.de. Dort las ich etwas von Teilzeit-Windelfrei. Dies klang sehr interessant und war mir so -als Mix aus Windel und windelfrei- noch nicht in den Sinn gekommen.

Jetzt erschien mir das Ganze schon viel besser umsetzbar. Es geht dabei keineswegs darum, dass alles perfekt klappen muss. Somit entspannte sich mein Blick darauf sehr – was die wichtigste Voraussetzung zum Gelingen ist.

Wie „sagt“ mir mein Baby, dass es mal muss? - Erste Schritte

1. Schlüsselsituationen & Schlüssellaute

Ich las etwas von Schlüsselsituationen und Schlüssellauten. Schlüsselsituationen sind Situationen, in denen Babys mit großer Wahrscheinlichkeit Pipi machen, z.B.:

    • nach dem Stillen/ Füttern
    • nach dem Aufwachen
    • nachdem sie aus der Trage oder der Babyschale genommen werden

Also begannen wir unser Baby in diesen Situationen abzuhalten. Dies klappte auch zu 90 Prozent. Die meisten Eltern wickeln ihr Baby nach dem Stillen/ Füttern. Viele haben vermutlich die Erfahrung gemacht, dass ihr Baby ausgerechnet dann pullert, wenn man gerade die Windel entfernt hat. Hier ist also die Trefferwahrscheinlichkeit tatsächlich hoch – es heißt nur schnell genug sein, um das passende Örtchen zu treffen.

Das Abhalten begleiteten wir mit dem Laut „Ssss“. Du kannst dir aber auch einen anderen Schlüssellaut ausdenken (z.B. „Aa Aa“). Dein Baby begreift schnell und verbindet den Laut mit der dazugehörigen Handlung. Das große Geschäft war bei unserem Baby tatsächlich dadurch so gut wie nie in der Windel. Dazu trägt u.a. die Abhalteposition bei. Diese erleichtert es dem Baby und kann auch bei Blähungen/ Kolliken hilfreich sein. In den ersten Wochen waren wir meist zu Hause, so dass wir dies in Ruhe ausprobieren konnten. Dadurch waren wir später unterwegs damit sicherer.

2. Deutliche Signale

Hier kann jeder sein Kind beobachten, da jedes Kind anders ist. Jedes Kind sendet andere Signale. Meine Erfahrungen sind also nur als Beispiel zu verstehen.

Gerade während des Stillens war schnell deutlich klar, wann mein Baby musste. Es wurde unruhig und dockte ständig ab und wieder an. Nach dem Abhalten trank es wieder ruhig weiter. In der Nacht war dies noch einfacher zu erkennen, da es dann keine Ablenkung von außen für mein Baby gab, die evtl. auch für Unruhe beim Trinken sorgen kann.

3. Weitere Signale erkennen

Während seiner Wachzeit ließ ich mein Baby zu Hause so oft wie möglich auf dem Boden ohne Windel strampeln. Dabei beobachtete ich, wie oft es in dieser Zeit Pipi machte und wie es sich dabei verhielt. Dies notierte ich mir kurz. So war schnell klar, welche zeitlichen Pipi-Abstände es gab und an welchem Verhalten meines Babys sich dies erkennen ließ. Daran konnte ich mich etwas orientieren. Dies verändert sich jedoch immer wieder mit zunehmendem Alter des Babys. Also wiederholte ich diese Beobachtung in regelmäßigen Abständen.

Als praktischer Tipp für das windelfreie Strampeln: eine waschbare oder abwischbare Unterlage sowie eine kleine Moltonwindel zwischen Babys Beinen (besonders bei Jungen) sind ganz hilfreich. Die Moltonwindel kann man auch mit einem weichen Gummibund (z.B. von einer alten Hose) leicht festklemmen, damit diese beim Strampeln nicht ständig verrutscht. Das Bewegen ohne Windel wird dein Baby lieben, da es ihm außerdem ermöglicht, sich freier zu bewegen und dadurch seine Bewegungsentwicklung optimal fördert. Dies wird auch in PEKiP-Kursen genutzt.

Weitere Signale können sein: ein kurzer charakteristischer Ton/ Schrei deines Babys, Unruhe seines Körpers, ruckartige Bewegung der Beinchen

Windelfrei in der Nacht

Wenn dein Baby bei dir im Familienbett schläft, ist es nachts sogar fast einfacher als tagsüber seine Signale zu erkennen, da es nachts keine weiteren Ablenkungen gibt. Du kannst eine Schüssel oder ein Töpfchen* neben dem Bett zum Abhalten bereithalten, um nicht dafür aufstehen zu müssen.

Wie oft abhalten?

Wie oft du dein Baby abhältst, hängt also von deinem Baby ab, welche Pipi-Abstände du beobachtet hast und wann dir dein Baby auf seine Art (Signale) anzeigt, dass es mal muss.

Wie funktioniert es und wie halte ich ab?

Dein Baby signalisiert, dass es mal muss. Nun kannst du dein Baby von seiner Kleidung befreien. Dies funktioniert etwas leichter und schneller mit Kleidung, die dafür gut geeignet ist. Dazu mehr im kommenden Abschnitt.

Am besten lehnst du dein Baby mit seinem Rücken an deinen Oberkörper. Dann umfasst du mit je einer Hand jeweils einen Oberschenkel deines Babys, so dass es in eine Anhock-Spreizhaltung kommt. In dieser Position kannst du dein Baby über der Toilette, der Badewanne, dem Waschbecken oder einem Töpfchen abhalten.

Begleite dies durch einen Schlüssellaut (z.B. „Sssss“ oder „Aa aa“). Dein Baby wird schnell sowohl die Haltung als auch den Laut damit verbinden, dass es sich jetzt erleichtern kann.

Wer gerade erschrocken ist, weil ich vom Abhalten über dem Waschbecken geschrieben habe: Wenn dein Baby voll gestillt wird, muss du keinen verstopften Abfluss befürchten. Babys Ausscheidungen sind dann voll bio und wasserlöslich. Wem dies dennoch zu absurd erscheint, der kann gern eine der anderen Möglichkeiten nutzen. Die Waschbecken-Position ist nur für den Elternrücken angenehmer.

Gibt es einen Haken, wie z.B. notwendige teures Zubehör?

Nein. Dein Baby braucht dazu kein Sonderzubehör. Damit gibt es also keinen Haken.

Jedoch gibt es gerade bei der Bekleidung deines Babys einige praktische Tipps, die das Abhalten wesentlich leichter und schneller möglich machen können.

  1. Ziehe deinem Baby möglichst zweiteilige Kleider (Shirt und Hose) an statt einteilige wie Strampler. Auch das Tragen im Tragetuch unter deiner Jacke erleichtert und verringert das Ausziehen deines Babys.
  2. Du kannst statt Hosen auch Stulpen* (oder hier, 10% Rabattcode) oder Splitpants* nutzen. Damit brauchst du quasi nur die Windel öffnen und es kann losgehen. Gerade Stulpen wachsen eine ganze Weile mit und können lange genutzt werden, später auch noch als Armstulpen. Diese Investition ist sehr praktisch und lohnt in jedem Fall.
  3. Es gibt Abhaltewindeln. Diese müssen nicht komplett entfernt und abgelegt werden, sondern bleiben dank eines Bündchens an Babys Bauch hängen. Die Windeleinlage kann ein- und ausgeknöpft werden. Grade unterwegs kann das sehr praktisch sein.
  4. Für unterwegs oder für die Nacht kann ein Töpfchen* oder eine einfache Schüssel sehr nützlich sein.

Kann ich auch später mit (Teilzeit-) Windelfrei beginnen?

Sollte dein Baby schon älter sein, ist es möglich, dass es die Windel schon akzeptiert hat, sein Körpergefühl verlernt hat und keine Signale mehr sendet. Wenn du windelfrei/ abhhalten deinem Baby gern ermöglichen möchtest, kannst du es trotzdem versuchen. Es gibt kein zu spät. Es gibt viele Familien, die erst später zu (Teilzeit-) Windelfrei gekommen sind und es trotzdem funktionierte. Es braucht dann ggf. nur etwas mehr Geduld, da dein Baby sein Körpergefühl erst wieder lernen muss. Dafür gibt es jedoch in beiden Fällen keine Geling-Garantie. Denn jedes Baby ist anders.

Auch wenn Babys älter werden, können sich ihre Signale verändern oder sie vergessen, „sich zu melden“, da sie anderweitig abgelenkt sind. Also, kein  Stress. Es kommt auf kein perfektes Gelingen an. Dein Baby bemerkt deine wertschätzende Haltung ihm gegenüber und wird so oder so davon profitieren.

Was ist nun Teilzeit-Windelfrei oder die Nobody is perfect-Variante?

Für uns bedeutete dies, unser Baby nicht in jedem Fall abhalten zu müssen, aber es unserem Baby trotzdem je nach Gegebenheit ermöglichen zu können. Dieser Mittelweg entspannte die ganze Sache. Unser Baby trug also trotzdem eine Windel, sozusagen zur Sicherheit, falls wir es mal verpassten oder nicht schafften. Zu Hause konnte es weitgehend ohne Windel sein. Wasserdichte Unterlagen* eignen sich dafür sehr gut und sind schnell ausgetauscht.

Gerade unterwegs war es nicht immer gleich so schnell möglich wie nötig. Aber das war dann für uns keine Katastrophe. Jedoch beschwerte sich dann manchmal unser Baby und wir mussten doch irgendeine Möglichkeit suchen.

Für uns war es eine Art Erleuchtung, dass es nicht nur den einen oder den anderen Weg geben muss. Ich hoffe, ich konnte dir zeigen, wie einfach (teilzeit-)windelfrei sein kann. Vielleicht habe ich dich sogar ermutigt, es einmal selbst auszuprobieren. Ich freue mich, wenn ihr mir von euren Erfahrungen berichtet.

Hier noch zwei Buchempfehlungen zum Thema:

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