Sitzen lernen Babys von allein?!

Sitzen lernen Babys von allein?!

„Mein Kind kann schon sitzen.“ -„Oh, mein Kind noch nicht. Dabei ist es ja schon etwas älter als deins.“

Kennst du solche oder ähnliche Gespräche? Schnell fühlt man sich unter Druck und fragt sich, ob mit der Entwicklung des eigenen Kindes alles in Ordnung ist.

Dein Baby hat seinen eigenen Plan

Babys werden mit einer natürlichen Neugier geboren und haben von Anfang an den Willen und die Motivation in sich, sich weiter zu entwickeln. Dies müssen wir ihnen nicht von außen beibringen.

Jedes Kind entwickelt sich in seinem ganz eigenen Tempo und nach seinem ganz individuellen inneren Plan. Deswegen können Kinder gleichen Alters nicht miteinander verglichen werden. Dies setzt unnötig unter Druck, sowohl Eltern als auch die Kinder.

Jedes Kind ist ein eigenes Individuum und wird seinen ganz eigenen individuellen Entwicklungsweg hin zu einer einzigartigen Persönlichkeit gehen. Es geht also keinesfalls um Gleichmacherei. Was im oben genannten Gespräch nicht zur Sprache kam, ist: vielleicht kann mein Kind noch nicht sitzen, aber dafür kann es evtl. bereits etwas anderes, was das andere Kind noch nicht kann…

Kann ich etwas tun, um das Sitzenlernen meines Babys zu fördern?

Als Eltern möchten das Beste für unser Kind. Dadurch geraten wir schnell in Gefahr, bei unseren Kindern etwas zu fördern, für das sie vielleicht noch gar nicht bereit sind. Beispielsweise werden Babys abgestützt mit Kissen hingesetzt oder bereits sitzend im Kinderwagen gefahren, um ihre Entwicklung zu beschleunigen und/ oder sie mehr von der Umgebung sehen zu lassen.

Doch nicht immer ist gut gemeint auch gut gemacht, bedingt durch falsche oder fehlende Informationen.

Viele meinen, dass Babys erst sitzen, dann krabbeln und schließlich laufen lernen. Dies ist jedoch ein Irrtum. Die meisten Babys lernen das Sitzen aus dem Krabbeln heraus. Manche Babys können sogar noch vor dem Sitzen stehen.

Bereits Maria Montessori formulierte für die Entwicklung der Kinder: „Hilf mir, es selbst zu tun.“

Ungeduld in der Entwicklung von Kindern bringt eher Stress, sowohl für Eltern als auch für Kinder. Entspannt zurücklehnen und gespannt beobachten, was kommt, unterstützt dein Baby in dem Moment am meisten.

Um auf Maria Montessoris Aussage zurückzukommen: Für dein Kind ist es hilfreich, eine geeignete Umgebung zu haben, in der es sich frei und in seinem Tempo entwickeln kann. Dies kannst und brauchst du nicht für dein Kind übernehmen.

Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Dein Kind lernt z.B. das Sitzen nicht schneller, wenn man es vorzeitig hinsetzt. Seine Muskeln und seine Fähigkeiten entwickeln sich deswegen nicht schneller.

Auch Emmi Pikler hat die Wichtigkeit der eigenständigen Bewegungsentwicklung von Babys und Kindern immer wieder betont: Bezugspersonen sollten das Eingreifen vermeiden und nur Bewegungen des Babys unterstützen,  die es bereits von allein macht. Nur dann sind die Muskeln eines Babys dafür bereits weit genug entwickelt.  

Dein Kind wünscht sich, dass du ihm zutraust, es selbst schaffen zu können. Wenn  dein Kind ohne fremde Hilfe sitzen oder auch laufen lernen darf, ermöglichst du ihm eine wichtige Erfahrung für sein Leben: „Ich kann es allein schaffen und dies erfordert auch eine gewisse Anstrengung.“ Statt „Ich kann etwas nur mit Hilfe lernen.“ Dadurch lernt dein Baby bereits erstes Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen.

In dem Moment kannst du dein Kind begleiten und ermutigen.

Aus diesem Grund kannst du auch beruhigt auf andere Hilfsgeräte für dein Kind verzichten, wie z.B. Geräte wie Gehfrei/ Lauflernhilfen, die eine schnellere Bewegungsentwicklung versprechen.

Sollte dein Baby tatsächlich deine Hilfe benötigen, wird es dir dies unmissverständlich zeigen.

Was tun, wenn dein Baby unbedingt sitzen möchte, es aber noch nicht allein schafft?

Wenn dein Kind kurz vor dem Erreichen eines nächsten Entwicklungsschritts steht, wie z.B. dem Sitzen, und dieser noch nicht ganz allein gelingt, kann es passieren, dass es quengelig wird. Dies zeigt seine Anstrengung und seine Zielstrebigkeit. Wir neigen oft zu schnell dazu einzugreifen und zu helfen. In der gut meinenden Annahme, sein Kind dadurch zu fördern. 

Es kann passieren, das sich das Quengeln anschließend noch verstärkt. Denn zum einen möchte dein Baby nun immer wieder von dir -ohne eigene Anstrengung- in die Sitzposition gebracht werden. Zum anderen kann es sich aus dem Sitzen selbst noch nicht „befreien“ und seine Position ändern. Da die erforderlichen Sitz-Muskeln noch nicht ausreichend ausgebildet sind, wird die Sitzhaltung anstrengend für dein Baby und dies bedeutet meist erneutes Unzufrieden-Sein. Beides führt also leider nicht zur gewünschten Entspannung und weniger Quengeln. Somit kann man das Lernen und Üben der Sitzhaltung ganz entspannt seinem Baby überlassen.

Wenn du abwartest und dich zurückhältst, schenkst du deinem Kind eine wichtige Erfahrung: manchmal kann es anstrengend sein im Leben etwas zu erreichen, aber ich weiß, dass ich etwas allein schaffen kann.

Um dein Baby zu unterstützen, kannst du es auf dem Weg zu diesem wichtigen Entwicklungsschritt begleiten und ermutigen. Du kannst beispielsweise das aussprechen, was dein Baby noch nicht sagen kann: „Oh ja, das ist anstrengend., Du schaffst das., Ich bin da., Das ist ärgerlich, wenn es nicht gleich gelingt., Versuch es noch einmal., Das machst du toll.“

Warum sollte dein Baby nicht vorzeitig hingesetzt werden?

Sitzen kann ein Kind erst, wenn es sich selbstständig aufsetzt und ohne Stütze oder Hilfe sitzt. Wird ein Kind zu früh hingesetzt, kann die Wirbelsäule leiden, da die dafür erforderlichen Muskeln noch nicht ausreichend entwickelt sind.

Zu frühes Hingesetztwerden verhindert, dass die Kinder genügend Muskelkraft aufbauen, um später gut krabbeln, sitzen und stehen zu können.

Vorzeitiges Hinsetzen kann außerdem vermeidbare Schäden und Frustrationen beim Kind hervorrufen, da es seine Position noch nicht selbst ändern kann oder umkippen könnte.

Ausnahmen sind, wenn man das Baby zum Füttern, Anziehen oder Spielen für kurze Zeit auf den Schoß nimmt. Dabei „sitzt“ das Kind jedoch angelehnt an den Oberkörper der Eltern bzw. wird mit den Händen der Oberkörper gestützt, um die Wirbelsäule zu entlasten.

Aus diesem Grund ist es empfehlenswert, ein Baby in der Babyschale nicht länger als nötig zu transportieren – am besten nur für die Autofahrt. Diese hat ebenfalls eine recht hohe Sitzposition, welche die Wirbelsäule belasten kann.

Welche Position ist für dein Baby am besten bis zum freien Sitzen?

In der Bauch- oder Rückenlage fühlt sich dein Baby bis zum eigenständigen Sitzen am wohlsten. In dieser Position trainieren es seine Muskeln und seine Körperbalance, die es dann später zum Sitzen braucht.

Wann kann dein Baby frei sitzen?

Dein Kind kann sitzen, wenn

  • es sich selbstständig aufsetzt oder hinsetzt
  • ohne Stütze oder Hilfe sitzt
  • sich weder mit dem Rücken noch mit den Händen abstützen muss
  • die Sitzposition selbstständig ändern und verlassen kann und
  • beim Sitzen den Kopf, den Oberkörper und die Arme frei bewegen kann, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.

Dein Kind kann nicht sitzen,

  • solange es nur mit Hilfe Erwachsener oder mit Hilfe einer anderen Unterstützung wie Babystühlen oder Kissen sitzen bleiben kann
  • und ohne diese Hilfe umkippen würde
  • wenn es zwar ohne Hilfe in der Sitzposition bleiben kann, aber sich nicht selber hinsetzen oder hinlegen kann (also die Sitzposition nicht selbstständig ändern und verlassen kann)

Die Gefahren des zu frühen Hinsetzens bzw. die Vorteile der eigenständigen Bewegungsentwicklung von Babys kann man auch anderen nahen Bezugspersonen wie z.B. den Großeltern weitergeben. So können auch sie das Baby gut begleiten.

Näheres zur eigenaktiven Bewegungsentwicklung von Babys erfährst du u.a. auch in PEKiP-Kursen.

Extra-Tipp: Orthopäden empfehlen, dass Kinder möglichst im Schneidersitz oder mit gestreckten Beinen auf dem Boden sitzen und spielen sollen. Ein Sitzen auf den Unterschenkeln sollte vermieden werden. Dabei werden die Unterschenkel meist nach außen gedrückt, was X-Beine begünstigen kann.

Kann dein Kind schon sitzen? Wann und wie hat dein Kind das Sitzen gelernt? Schreibe mir dazu gern etwas in die Kommentare.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.